„Brain Drain“: Fluch oder Segen?

Wissen, Know-How, Kompetenz – beweglicher als je zuvor. Welche Herausforderungen entstehen daraus?

Am 30. und 31. Oktober ist es wieder so weit: Die Wiener Hofburg öffnet im Rahmen des „Pioneers Festivals“ ihre Pforten für Startups, Investoren und natürlich innovative Ideen. Jedoch ist lediglich jeder 1666. Österreicher derzeit Gründer eines Unternehmens. Viele qualifizierte oder talentierte Personen – darunter Unternehmer, Facharbeiter und Akademiker – entschließen sich zu einer Auswanderung für ihre Unternehmensgründung. Sie erhoffen sich anderorts bessere Standortvorteile, höheres Einkommen oder günstigere Forschungsbedingungen. Industrieländer stehen untereinander in einem ständigen Wettbewerb um außerordentlich qualifizierte Arbeitskräfte. Österreich schneidet im Vergleich der Innovationskraft relativ schlecht ab – von 142 Ländern belegt es lediglich Platz 23. Der Wirtschaftsstandort ist scheinbar nicht mehr so attraktiv wie er einst war.

Vor- und Nachteile des „Brain Drain“

Die Kosten der Ausbildung eines Menschen, beispielsweise bis zum Universitätsabschluss, sind immens. Wenn hochkarätig im Inland ausgebildete Arbeitskräfte in anderen Ländern Ihr Potenzial einbringen, kommt es in dem Land aus dem sie stammen zu volkswirtschaftlichen Verlusten. Was einerseits ein riesiges Problem darstellt, kann andererseits durch den Import von externen internationalen, ebenso topqualifizierten Arbeitskräften wieder ausgeglichen werden. Verantwortlich für das große Abwandern ist in den meisten Fällen die starke Anziehungskraft von Silicon Valley und Berlin. Diese sind die beliebtesten Ziele, wenn es darum geht, den Traum der Unternehmensgründung mit einem Internet-Startup zu verwirklichen.

 

Schattenseiten der Startup-Metropole

Doch Silicon Valley ist nicht mehr das gelobte Land, dies sollte jeder Business  Angel berücksichtigen. Gutes Personal ist teuer und dank der übermächtigen Konkurrenz von Google und Co. sind gerade Ingenieure und Entwickler schwer zu finden. Unternehmensbewertungen sind im Vergleich zu Europa ebenfalls deutlich höher. In einem Interview mit der „Zeit“ vom August 2013 erklärt der US-Architekt Scott Wyatt: „Im Silicon Valley ist der Wettbewerb um Arbeitskräfte und Ideen derzeit besonders hart, weil der Konjunkturzyklus dort einen Höhepunkt erreicht hat. Alle suchen nach dem nächsten großen Ding, das über die geschäftliche Zukunft entscheiden kann. Und die Unternehmen haben verstanden, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Leistung von Menschen und der Umgebung, in der sie sich befinden.“

 

Jedoch hat die Umgebung im Silicon Valley über die Jahre immer mehr an Qualität eingebüßt. Nach der Krise der „New Economy“ von Beginn 2000 bis 2004 kam es zu einem rasanten Anstieg der Arbeitslosenquote. Des Weiteren steigen sowohl Grundstückskosten, als auch Mietpreise kontinuierlich und es gibt Probleme in Verkehr und Umwelt, zum Beispiel in der Wasserversorgung –diese Faktoren führen zu einer wesentlichen Beeinträchtigung der Standortbedingungen. Daher kommen Startups oftmals von einer Auswanderung nach Silicon Valley zurück in ihr Heimatland. Die meisten betrachten ihre Zeit im Ausland als eine Art „Lernphase“, in der sie die nötigen Skills und Erfahrungen erwerben konnten, um sowohl mit einem besseren Team, als auch an einem geeigneteren Standort und in einem wirtschaftlich vorteilhafteren Umfeld weiter zu arbeiten. Diese Unternehmensgründer stellen interessante Investments für Business Angels dar und durch ihre Rückkehr können auch volkswirtschaftliche Verluste wiederum ausgeglichen werden.

Facharbeitskräfte und Akademiker

Um zu verhindern, dass Unternehmen viel Geld in die Ausbildung ihrer Angestellten investieren und diese anschließend kündigen, ist es essentiell, dass Manager darauf achten ihre Angestellten motiviert und interessiert zu halten. Mitarbeiter sollten die Möglichkeit haben zu avancieren, sowie von ihren Berufen erfüllt zu werden. Alan Hall, Geschäftsführer von „Mercato Partners“ – einer privaten Investmentgesellschaft für expandierende Unternehmen in den Vereinigten Staaten – meinte in einem Interview mit „Forbes“ 2013, dass sich Manager mehr um ihre Angestellten kümmern sollten.

Förderungen dämmen „Brain Drain“ ein

Damit einer Abwanderung österreichischer Jungunternehmer entgegengewirkt wird, fördert die Wirtschaftskammer Österreich bis maximal 70% der Sach- und Personalkosten themenoffener Projekte, welche risikoreich sind, einen hohen Schwierigkeitsgrad haben und realistische Verwertungsperspektiven enthalten. In der Realität jedoch scheinen die Bemühungen des Staates eher oberflächliche Wirkung zu haben. Förderungen sind schwierig zu bekommen, da viele Auflagen zu erfüllen sind und wenn, dann werden verhältnismäßig  kleine Beträge gefördert oder es muss bereits einiges vorfinanziert werden. Hierbei stellt sich natürlich die Frage, inwiefern unter diesen Bedingungen diejenigen gefördert werden, die es am meisten benötigen.

Fazit

Für Business Angels gilt, sinngemäß nach Johann Wolfgang von Goethe: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Im deutschsprachigen Europa in regionale Startups zu investieren lohnt sich: Ideen von Unternehmensgründern mit Auslandserfahrung, welche sich wieder in ihrer Heimat ansiedeln, stellen vielversprechende Investments dar. Für den Angel ist es in der Beratung seiner Startups natürlich vorteilhafter, wenn sie sich in seiner Nähe befinden, statt am anderen Ende der Welt. Am Ende des Tages muss jedoch jeder für sich entscheiden, welche Strategie er einschlagen möchte. Für alle unentschlossenen sei vielleicht eine Reise an die Westküste Kaliforniens anzuraten, um sich selbst ein Bild zu machen.

 

Julia Lipp studiert Medienmanagement an der FH St. Pölten mit wirtschaftlichem und medienbezogenem Schwerpunkt. Ihr Fokus liegt beispielsweise auf VWL, Informations- & Kommunikationssysteme und Medien- & Kommunikationsrecht. Ihre Fremdsprachen sind Englisch und Spanisch.

 

Quellen

http://www.forbes.com/sites/tompost/2013/03/15/the-great-american-brain-drain-why-24-million-people-quit-their-jobs-every-year/ zuletzt abgerufen am 16.08.2013

http://portal.wko.at/wk/format_detail.wk?angid=1&stid=675250&dstid=0 zuletzt abgerufen am 16.08.2013

http://portal.wko.at/wk/format_detail.wk?AngID=1&StID=386551&DstID=703 zuletzt abgerufen am 16.08.2013

http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/1427903/Oesterreich-macht-wenig-aus-sich?from=suche.intern.portal zuletzt abgerufen am 16.08.2013

http://wirtschaftsblatt.at/home/life/dossiers/start_up/1441818/Pioneers_Wien-wird-zur-GruenderHauptstadt  zuletzt abgerufen am 16.08.2013

http://www.zeit.de/2013/32/architekt-nbbj-scott-wyatt  zuletzt abgerufen am 16.08.2013

http://www.diercke.de/kartenansicht.xtp?artId=978-3-14-100700-8&stichwort=Silicon%20Valley  zuletzt abgerufen am 16.08.2013